Wenn man als Abgängerin der Fachklasse für Grafik ins Berufsleben tritt, staunt man schonmal nicht schlecht. Wie jetzt? Der Kunde kann mitentscheiden? Er findet meine Arbeit zu arty-farty und will zwei neue Vorschläge? Bis 17.00 Uhr? Puh...

Da wurde mir fast 6 Jahre lang beigebracht quer zu denken, neue Wege einzuschlagen und mich jenseits von jeglicher Norm zu bewegen... Bloss um festzustellen, dass die standardisierten Lösungen dem Kunden meistens am ehesten entsprechen. Nach zwei Jahren Berufstätigkeit in der Printmediengestaltung kam mir vermehrt die Einsicht, dass ich mich auf dem sinkenden Boot befand. Ich stellte mir die Frage, ob das, was ich da tue, überhaupt noch sinnvoll ist. Was bringt es mir Druckdaten erstellen zu können, wenn es in naher Zukunft immer weniger davon gibt? Wieso versuche ich schlechte Inhalte schön darzustellen? Was hat das für einen Sinn? Bringt mich das weiter? Und macht es mich glücklich den zuckersüssen Schein dieses verbrannten Kuchens mit einer dicken Fondant-Schicht aufrecht zu erhalten? Design ohne Inhalt ist ein seelenloses Produkt. Und Inhalt ohne Design ebenso. Die beiden sind aufeinander angewiesen und setzten sich gegenseitig erst so richtig in Szene.

Ich hab mir viel Zeit genommen um nach einer Tätigkeit Ausschau zu halten, die mir mehr entspricht, mich herausfordert und meine Interessen vereint. Der Entscheid für das Information-Science Studium war schnell gefällt. Aber was mache ich beruflich neben dem Studium? Auf keinen Fall möchte ich wieder in eine Agentur, bei der ich von Morgens bis Abends irgendwelche Inhalte in tolle Designs abpacke! Aber wo findet man einen Beruf, der dieses Interessens-Konstrukt aus Information, Design, Text und Content vereint?

Und da kam sie, die Antwort, in Form eines Design-Unicorn-Stelleninserates bei BEYONDER!

Design? Kann ich. Unicorn? Bin ich. Das passt wie die Faust auf's Auge. Easy! Das dachte ich zumindest. Schnell kam aber die Einsicht, wie gross die Unterschiede der beiden Berufsfelder tatsächlich sind.

Beginnen wir mit den Arbeitswerkzeugen


Die wichtigsten Tools eines Grafikers in der Printmediengestaltung sind InDesign, Photoshop, Illustrator und ein paar andere Applikationen der Creative Suite. Man bewegt sich im geschützten Rahmen der schönen, tollen Designer-Programme. Nur selten läuft es einem kalt den Rücken runter, wenn ein Kunde eine PowerPoint Präsentation wünscht. Oder eine Word-Vorlage.

Ganz anders ist das bei Content Creation und UX-Design. Da ist PowerPoint nur der Anfang! Webflow, Google MyBusiness, Mailchimp, diverse Social Media Kanäle... Man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, oder in diesem Falle, vor lauter Tools das Web. Warum man als Content Creatorin solche Programme braucht? Wenn man Inhalte dafür erstellt, sollte man den Kontext kennen. Fachwissen zur Druckdatenerstellung wird nicht mehr gebraucht. Stattdessen entwickelt sich ein neuer Fachjargon. Was war nochmal der Unterschied zwischen Push- und Pull-Marketing, zwischen Lean-Forward- und Lean-Back-Medien oder SEM, SEO und SEA? Wozu braucht man Google MyBusiness und was war nochmal Facebook Business? Was sind Breadcrumbs, was sind Cookies und wieso wollen sie mir hier alle andrehen?
Wenn man in seinem gewohnten Berufsfeld einen Auftrag erhält, braucht es nicht viel um abzuschätzen, wie viel Zeit man dafür braucht. In diesem fremden Territorium dauern die einfachsten Aufträge oft ein Vielfaches länger als vermutet, weil sich diverse Unklarheiten in den Weg stellen, die es erst noch aufzuschlüsseln gilt.

Die erwarteten Dienstleistungen


Als Grafikerin in der Printmediengestaltung ist es ziemlich einfach zu begreifen, was von einem verlangt wird: Kunde schickt Inhalte, diese werden schön gestaltet, verpackt und dann der Druckerei übergeben. Am Schluss hat man eine schöne Broschüre, ein schönes Buch, schöne Geschäftsdrucksachen etc.

Als Content Creatorin/UX-Designerin im Online Marketing ist das etwas anders. Nicht selten denkt man sich: Was wird hier genau von mir verlangt? Was ist unsere Dienstleistung? Und was ist das Endprodukt?
Der erste Schritt einer überzeugenden User Experience ist der richtige Content. Mit der Content Creation fängt alles an. Das Design ist da erst mal nicht so wichtig. Da muss man wesentlich konzeptioneller und verknüpfter denken. Gar nicht mal so einfach für einen visuell denkenden Menschen, der es sich gewohnt ist am Ende des Tages ein physisches Produkt in den Händen zu halten. Erst danach fliesst das Design mit ein und legt sich wie ein hübsches Kleid um den Content, natürlich massgeschneidert auf die Zielgruppe oder die Marketing-Strategie.

Die Zielgruppe, ein weiteres, ausschlaggebendes Wort, dessen Wichtigkeit mir erst bei BEYONDER bewusst wurde. Besonders beim Verfassen von Texten. Texte stilsicher schreiben ohne grammatikalische Fehler? Kein Problem! Ein Thema so zu schildern, dass es die gewünschte Zielgruppe erreicht und auf sich aufmerksam macht? Ein ganz anderes Ding!
Da gewinnt die Recherche zunehmend an Wichtigkeit. Je besser man die Gepflogenheiten und Manieren eines Social Media Kanals kennt, je klarer das Bedürfnis der Zielgruppe ist, desto besser kann man sein Produkt dann darauf hinfeilen. Natürlich rennt man, besonders zu Beginn, dennoch tausende Male gegen die Wand. Man verliert sich in Ideen, muss sich umorientieren, hinterfragen, einen Schritt zurück machen und dann nochmal von vorn beginnen. Und sich natürlich stetig das benötigte Fachwissen aneignen.

Abschliessend lässt sich feststellen, dass die beiden Berufe sich nicht komplett fremd sind, dennoch aber grosse Unterschiede aufweisen. Sie sind zwar miteinander verwandt, aber eben nicht direkt blutsverwandt. Vielleicht ist die Grafik die Cousine vom Content Creator und gleichzeitig die Nichte des Vaters vom UX-Designer. Ab und zu treffen sie sich, wenn der gemeinsame CD-Grossvater zum Essen einlädt.‍