10.11.2025

„Kino- und Film-Marketing ist austauschbar!“
Wer mit einer solchen Aussage einen Vortrag über Kino- und Filmmarketing in einem Saal voller Kinobetreiberinnen und Filmverleihern eröffnet, der sorgt zwar für Aufmerksamkeit, doch macht er sich zunächst nur wenig Freunde. Doch als Co-Founder von Blogbusters und somit gut Vernetzter Typ in der Kino- und Marketing-Szene kann ich mir das herausnehmen und möchte euch den Inhalt des Vortrags am Cinema Marketing Day 2019 nicht vorenthalten.
Nun ist es aber in vielen Fällen tatsächlich so, dass das einzige Werbemittel eines Kinos der Film ist. Wenn Hollywood & Co. gute Streifen drehen, dann ist das Haus voll. Produziert die Filmindustrie nur Mittelmässiges oder gar Schund, blieben die Säle und somit auch die Kassen leer. Das trifft auch zu, wenn Werbematerial (Bilder, Videos, etc.) für den jeweiligen Film schlecht oder erst gar nicht vorhanden ist. Kein Filmmarketing ist nun mal gleichbedeutend mit weniger Besuchern.
Was aber, wenn nicht nur der Film, sondern auch das Haus Besucher ziehen würde?
Wenn der gespielte Film der Hauptgrund ist, ins Kino zu gehen, erübrigt sich das mit der Vermarktung des Kinos doch im Grunde? In jedem Haus gibt es Popcorn, Eis-Konfekt und Cola. Die Sessel sind bequem, der Sound bombastisch.
Doch was bewegt einen Besucher, der in seinem Radius drei bis vier Kinos zur Auswahl hat, doch letztendlich immer in dasselbe zu gehen oder sich nach vielen Jahren davon abzuwenden? Und wie lassen sich auch andere Besucher bei gleicher Auswahl davon überzeugen, das eine Kino zu besuchen?
Die Wahl des Besuchers fällt immer auf das Produkt, auf die Dienstleistung oder eben auch auf das Kino, das die jeweiligen Bedürfnisse am ehesten befriedigt. Es gilt also, die Bedürfnisse eines Kinobesuchers aufzuschlüsseln.

Ein genialer Film mag zwar ein schlagendes Argument darstellen. Doch macht ein genialer Streifen in irgendeinem Kino bereits das ultimative Kinoerlebnis aus? Nein! Es ist also notwendig herausfinden was einen Besucher motiviert, sich für ein Kino zu entscheiden. Dabei hilft es, sich näher mit der «Customer Journey» (Kundenreise) eines Kinobesuchers auseinanderzusetzen.
Paul (Mitte 30) ist leidenschaftlicher Cineast, glücklich verheiratet und stolzer Vater zweier Kinder. Und: Paul freut sich extrem auf den lange geplanten Herrenabend mit seinen Kumpels, der morgen ansteht! Die Frau passt auf die Kids auf, am darauffolgenden Tag kann er vom Home-Office aus arbeiten und somit auch mal etwas länger schlafen.
Er und seine drei Kumpels haben es endlich geschafft sich diesen Abend freizuschaufeln. Das ist nicht immer einfach, da die Freizeit der «Jungs» oft mit den Spielzeiten der Filme kollidieren. Die Erschaffung des gemeinsamen Freizeitfensters steht also nicht im direkten Zusammenhang mit der Filmauswahl. Obendrein wissen die Herren oft nicht, was aktuell läuft. Sie sind zwar alle Empfänger einer Kino-Newsletter, doch was hier vorgestellt wird, trifft den Geschmack der Freunde überhaupt nicht.
Es war von Anfang an Pauls Job, den Kinobesuch zu organisieren. Bereits vor zwei Wochen hatte von einem Kollegen erfahren, dass in naher Zukunft ein wirklich guter Streifen anläuft. Eine kurze Internetrecherche zum Film führte Paul zum Schweizer Kino-Online-Magazin «Blogbusters». Hier wurde er schnell fündig und – dank der guten Rezessionen – auch direkt überzeugt.
Film: Check!
Nächster Recherchepunkt ist das Lichtspielhaus. Seine Suchanfragen leiten ihn zu einem Kino, dass er schon öfters besucht hat und es ganz OK fand. Es ist in der Nähe, gut angeschlossen, hat ein Restaurant und eine Bar.
Kino: Check!
Und die Tickets? Vorbestellen via Internet ging bei diesem Kino nicht. Und da Paul sich ja bereits zwei Wochen vor dem Kinobesuch um die Tickets kümmern wollte, präsentierte sich die Telefonhotline alles andere als «Hot». Nicht etwa, weil man Paul keine Information geben wollte, sondern weil bis dato noch gar nicht klar war, welches Filmprogramm in zwei Wochen geboten wird. Paul entschied sich daraufhin leicht frustriert, die Tickets direkt an der Kasse zu kaufen. Im Kino-Restaurant konnte er dagegen leicht einen Tisch reservieren. Wenigstens etwas.
Keine Tickets? Ab in die doch recht lange Schlange, die sich vor der Kasse gebildet hat. Das nervt etwas und die Platzwahl wird zum Roulette. Um die Wartezeit zu überbrücken, erzählt Pauls Kumpel von dem neuen Kino. Dieses bietet nicht nur ein Erinnerungsservice für Filme an. Im neuen Kino lässt es sich ganz easy online reservieren, die Tickets können am selben Tag via Kreditkarte oder Twint gekauft werden und diese bekommt man dann ganz easy direkt aufs Handy.
Das hätte Paul natürlich gerne etwas früher gewusst.
Doch alles im allen wurde es ein schöner Abend. Der Film war spitze, die Sitzplätze ganz passabel, der Sound ohrenbetäubend, und das Bierchen danach brachte Paul obendrein ganz neue Erkenntnisse zum Kino seiner Wahl.
Die Barfrau berichtete ihm nämlich von den Erneuerungen, die das Kino in Kürze einläutet:
Paul ist happy! Der anfängliche Unmut darüber, dass er in dem Kino seiner Wahl keine Karten über das Internet buchen konnte, hat sich nach dem Gespräch mit der Barfrau in Luft aufgelöst. Er freut sich schon auf den nächsten Film in diesem Kino und hofft natürlich, dass die Newsletter und die Reservierungsfunktion auch halten, was er sich davon verspricht.

Pauls Geschichte ist stellvertretend für viele Cineasten und lässt eines ganz klar erkennen: Ein guter Film und ein tolles Kino alleine ergeben noch lange kein perfektes Kino-Erlebnis! Ergo reichen diese zwei Faktoren im heutigen Kino-Marketing nicht mehr aus.
Die Customer Journey zeigt auf, wie sich Wiederholer-Gäste oder Stammkunden erschaffen lassen.
Hier wird ganz klar, dass zum erfolgreichen Kino-Marketing noch deutlich mehr gehört, als ein guter Film und ein schönes Ambiente.
Folgende Bedürfnisse müssen entlang der Customer Journey gestillt werden:
Researcher suchen:
Als Organisator wünscht man sich:
Watcher möchten mindestens so bequem wie auf dem eigenen Sofa haben.

Es gibt auf jeder Reise Fettnäpfchen und Stolpersteine, die es zu vermeiden gilt. Die Customer Journey eines Kinobesuchers ist da keine Ausnahme.
Nichts ist dem Researcher mehr zuwider als verlorene Zeit. Und ein schlechter Film verkörpert im Schnitt 120 Minuten davon.
Beim Organisator treffen gleich mehrere Punkte auf Missfallen:
Dem Watcher ist die Atmosphäre wichtig: Störende Gäste, enge Sitzreihen und so weiter sind wahre Deal Breaker!

Schau dir die Präsentationsfolien als Video an, natürlich Kinoreif ;-)
Es sind also nicht zwei, sondern vier Aspekte, die nicht nur das Kinomarketing einzigartig machen, sondern darüber hinaus, das ganze Kino.